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Mittwoch, 27. Januar 2010

10 Stunden Höllentrip

Nach Burkina Faso peilten Helen und ich unser nächstes Ziel, Togo, an. Somit hieß es vom Norden Ghanas runter in den Südosten nach Afloa, um von dort die Grenze nach Togo in die Hauptstadt Lomé zu überqueren.

Unsere Ghana Karte hatte für die von uns gewählte Route eine dicke rote Straße eingezeichnet, was so viel wie Hauptverkehrsstraße bedeutet. Das ist ja super, dachten wir uns. Dann sollten wir relativ zügig mit einer Zwischenübernachtung in Lome ankommen. Von wegen.

Wie so oft hatten  wir mal wieder vergessen, dass wir uns in Ghana befinden. Eine dicke rote Straße auf einer Karte sagt zwar aus, dass es sich um eine wichtige Straße ( „important Road“) handelt. Dies sagt jedoch noch lange nichts über deren Zustand aus!

Diese besagte Straße, falls man dies überhaupt so bezeichnen kann, war ein ungeteerter aus Mulden bestehender roter trocken staubiger Sandweg.

Und unser Bus war, wie sollte es auch anders sein, ein Schrotthaufen auf Rädern mit offenen Fenstern. Das Wort „Komfort“ in diesem Zusammenhang hatten wir ja schon aus unserem Wortschatz verbannt, nun kam aber noch hinzu, dass wir inklusive unser Gepäck von oben bis unten mit rotem Sand eingestaubt wurden. Besser gesagt mit einer dicken Sandschicht.

Es hat ganze drei Duschvorgänge gebraucht, um sich davon zu befreien. Mein Rucksack wird die Spuren dagegen wohl nie ganz los werden.

Bevor unser „Höllentrip von 10 Stunden“  jedoch losging, mussten wir noch satte drei Stunden warten.  


In der ersten Stunde haben wir das Ticket gekauft. Eher gesagt das Anrecht auf eine Ticket. Unsere Namen wurde in eine Liste geschrieben.

In der zweiten Stunde wurden dann die Tickets verteilt, indem die Namen aufgerufen wurden.Unsere Namen waren nicht dabei. Es hieß wir sollten auf den nächsten Bus warten. Na prost Mahlzeit.
Aber wir hatten Glück. Zwei Passagiere sind nicht erschienen, so dass wir diese Tickets bekamen. Das waren sogenannte Notsitze.

Fürchterlich unbequem und mein Sitz krachte immer dann zusammen, wenn ich mich zurücklehnen wollte. Also hieß es für mich keine Rückenlehne.

Die dritte Stunde Warten haben wir schließlich damit verbracht, zuzuschauen wie der Bus mit voller Muse und Geruhsamkeit beladen wurde. Nicht, dass man das schon in der ersten oder zweiten Stunde hätte machen können, denn die Fahrgäste warteten alle schon seit mindestens drei Stunden samt Gepäck!



Und dann ging unser Höllentrip endlich los. Die Straße war so übel, dass der Bus sich nur mit einem Durchschnittstempo von 10 kmh fortbewegen konnte. Für eine Strecke von vergleichbar mit "Hannover nach Frankfurt" haben wir sage und schreibe 10 Stunden gebraucht. Um 0.30 Uhr kamen wir dann in unserem nicht geplanten Zwischenstopp an. Völlig K.O., voller Sand, mein Rücken tat weh. Was ein Tag!

Das Gute an diesem Trip war aber, dass wir alle zukünftigen Tro-Tros und Straßen während unserer Reise als wahre Wohltat betrachteten. Es ist eben alles relativ.

Dienstag, 5. Januar 2010

Abschied vom Waisenhaus

Heute war mein und Helens letzter Tag im Waisenhaus. Die Freiwilligenarbeit für uns ist nun zu Ende.


Wir wurden feierlich verabschiedet. Alle Kinder versammelten sich im Speisesaal, um für uns „Good bye and Thank you“ zu singen. Wir hatten Kekse und Süßigkeiten für die ganze Kinderschar gekauft. Jeder bekam sein „Päckchen“. Helen und ich waren sichtlich gerührt.

Das Abschiednehmen fiel nicht einfach. Nach vier Wochen hat man die Kleinen lieb gewonnen.


Es war schon ein komisches Gefühl. Aber gleichzeitig waren wir auch froh. Denn die Arbeit war anstrengend und hat uns viel abgefordert. Nicht so sehr die körperliche Belastung als vielmehr  die tagtäglich erschütternden Bilder, der Schmutz und der Dreck überall, das Gefühl nicht wirklich etwas verändern zu können.

Doch wenigstens konnten wir für die Zeit, die wir da waren, einige Kinderherzen erfreuen und etwas Wärme und Geborgenheit geben.


Zum Abschied durften wir dann auch noch ein Foto mit „Madame“, der Waisenhausleiterin, machen. Sie war manchmal ein richtiger Drachen. So durften wir  offiziell keine Fotos während der Arbeit schießen. Denn wir sollten ja arbeiten!

„Arbeit“ bedeutete für „Madame“ körperliche Arbeit, wie Wäsche waschen oder den Boden schrubben. Die Kinder im Arm zu halten oder zu trösten, das war keine „Arbeit“ in ihrem Sinne.

Mit „Madame“ war es daher nicht immer einfach. Man konnte sich gut mit ihr stellen, wenn man etwas brachte, das Geld kostete.

So war sie zuckersüß mit uns, als wir die Teller für den Speisesaal kauften oder wenn wir Babynahrung, Brot oder Babycreme mitbrachten. Dann fielen immer die Worte „God bless you“.



Vielleicht nimmt man so eine Haltung ein, wenn man in Armut lebt und diese immer vor Augen hat.

Wir „Weiße“ stellen für die Ghanaer eine Art „wandelnder Geldbeutel“ dar. Und so unrecht haben sie nicht. Verglichen zu den ghanaischen Verhältnissen, sind wir wirklich reich.

Montag, 4. Januar 2010

Dorfklinik in Ghana

Heute waren wir mit drei unserer Waisenkinder in der Dorfklinik. Die Kleinen waren krank, hatten Durchfall, Erbrechen, Fieber und die kleine Lina große Beulen am Hinterkopf und Ausschlag am Körper.


Generell sollte jedes der Waisenkinder eine Versichertenkarte haben. Denn mit dieser wird man kostenlos behandelt. Warum von den drei nur eines eine Karte hatte, konnte uns die Leiterin nicht verständlich machen.

Daher bittet sie auch immer uns Volunteers, die kranken Kinder zur Klinik zu bringen, da wir für die Behandlung und die Medikamente aus eigener Tasche zahlen. Denn wer möchte schon mit ansehen, dass die Kleinen leiden. Und uns kostet es kein Vermögen.


Eine Dorfklinik ist wie immer nicht zu vergleichen mit unseren Standards. Es sind einfache Räume. Es gibt keine Computer. Hier wird alles mit der Hand protokolliert.


Eine Diagnose wird ziemlich schnell gemacht. Fast alle Kinder hatten Malaria, Unterernährung und Würmer. Wir haben eine Menge Medikamente für die Kinder bekommen, die mehrmals täglich eingenommen werden müssen.

Ich hoffe nur, dass unsere ghanaischen Kollegen im Waisenhaus auch das für das jeweilige Kind korrekte Medikament in der richtigen Dosis verabreichen.



Denn in der Dorfklinik hatte die Ärztin uns erzählt, dass einige der Kinder schon mal da waren und sie Medikamente für eine Würmerkur mitgegeben hatte. Aber das wurde anscheinend nicht strikt verfolgt.


Die Ghanaer haben, wie schon geschildert keinen Sinn für Ordnung und scheinen wohl auch die Wichtigkeit bzw. die Konsequenzen nicht richtig einzuschätzen.

So hat uns ein deutscher Arzt, der in Ghana für ein Jahr arbeitet, von Fällen erzählt, wo die Kinder fast gestorben wären, da Eltern die Medikamente nicht kauften bzw. verabreichten. Das Geld für ein Handy schien aber da zu sein.

Das zeigt wieder einmal wie wichtig Bildung ist. Und mir wird wieder bewusst, dass ich mich in einem Entwicklungsland befinde.

Mittwoch, 16. Dezember 2009

Tag eines Volunteers

Wie kann man sich die Arbeit eines Volunteer vorstellen? Was macht man als Freiwilliger in Ghana in einem Waisenhaus?

Ich versuche mal einen kleinen Einblick in die Freiwilligenarbeit zu verschaffen und schildere einen „typischen Tag im Leben eines Volunteers“.

Dieser Tag fängt meist ungewollt gegen 4 Uhr an. Es folgt das erste Wecken mit dem Morgengebet, das kaum überhörbar von der nächst gelegenen Moschee erschallt.

Ich habe ja nichts gegen andere Religionen, aber es muss nun wirklich nicht sein, dass man um 4 Uhr morgens muslimische Gebete in monotoner Tonlage durch immens laute Lautsprecher für alle im Umkreis von mindestens 10 km hörbar verkündet


Der zweite Weckruf erfolgt dann eine Stunde später.
Nun meldet sich mit einem lauten „Kickeri-Ki“ ein stolzer Hahn zu Wort. Und nicht nur einer. Nein. Da fast jede ghanaische Familie ihre eigenen Hühner besitzt, krähen die Hähne der Nachbarschaft um die Wette.


Zwischen 6.30 und 7.00 heißt es dann, raus aus den Federn, fertig machen, frühstücken und los zur Arbeit. Von meiner Gastfamilie sind es ca. 20 Minuten Fußmarsch zur Tro-Tro Station.

Auf dem Weg dorthin empfiehlt es sich, sich schon mal mental auf sämtliche ghanaischen Passanten einzustellen, denen man begegnet und die wie immer schon von weitem die Standardfragen rufen. „Hello Obruni, How are you, What is your name, where do you come from, where are you going?“.

Die Straßenverkäufer sind ebenfalls schon aktiv und aus Lautsprechern ertönt laute Musik. 


An der Tro-Tro Station angekommen herrscht wie immer ein Stimmen-Wirrwarr. Jeder preist seine Zielstation mit lauten Rufen wie ein Marktschreier an. Nun heißt es das richtige Tro-Tro finden, welches in Richtung Waisenhaus (Akwaba) fährt. Man fragt einfach jedes Tro-Tro, das vorbeifärt.


Meist wird man nach vier bis fünf fragenden Rufen fündig und los geht’s. Die Fahrt dauert etwa eine halbe Stunde, die man meist eingequetscht zwischen seinen Sitznachbarn in einem nicht mehr TÜV-fähigen Tro-Tro-VW-Bus verbringt.

Wer bis dahin noch ein Morgenmuffel war, sollte das spätestens an dieser Stelle überwunden haben. In Ghana ist kein Platz für schlechte Laune am Morgen. Und mit einem inneren Lächeln lässt sich dieser morgendliche Ablauf prima ertragen.

Im Waisenhaus angekommen wird man schon von den Kindern begrüßt.


Die Größeren gehen zur benachbarten Schule und wir Volunteers kümmern uns so lange um die Kleineren. Daneben haben wir aber auch die eher profanen Aufgaben zu erledigen, wie Geschirrwaschen, Fegen, Wischen oder Kleiderwäsche. Natürlich gibt es weder eine Spül- noch eine Waschmaschine. Da ist noch echte Handarbeit gefragt.

Neben uns Volunteer arbeiten hier auch noch andere Ghanaer, die sich primär um das Essen kümmern. Allerdings ist die Aufgabenteilung nicht so ganz klar.

Es soll auch eine Frau geben, die die Babys wäscht und die Windeln wechselt. Allerdings passiert es sehr oft, dass die Kleinen keine Windeln anhaben, wenn wir morgens kommen.

So weinte die kleine Mia eines Morgens. Und ich wusste nicht warum. Sie zeigte auf ihren Rock. Als ich diesen hoch hob, hatte ich ihr „großes Geschäft“ an der Hand. Da heißt es Ruhe bewahren, den Bottich mit Wasser füllen, die Kleine baden und Windeln anziehen.

Keine Pampers, wie wir es gewohnt sind. Es gibt zwar Einwegwindeln in Ghana, diese sind aber ziemlich teuer. Daher benutzen wir im Waisenhaus Leinenwindeln.

Und mit der Zeit habe ich mich sogar zu einer Expertin im Windelwechseln entwickelt.


Es gibt nicht viel Platz für die Kleinen, wo sie sich aufhalten können. Lediglich eine kleine zementierte überdachte „Terrasse“. Hier halten wir uns am meisten auf.


Ansonsten findet man überwiegend sandigen Boden vor, wo sich die Kleinen, jedoch beim Krabbeln die Knie aufschürfen.

Essen für die Schulkinder wird in einem großen Schulsaal ausgegeben.



Als wir ankamen, waren nicht genügend Teller für jedes der Kinder  vorhanden. So musste die Hälfte der Kinder mit dem Gesicht auf den Tischen gebeugt in Stille warten, während die anderen aßen, bis der Rest fertig war um deren Teller zu benutzen. Das war kein schöner Anblick. So beschlossen Helen und ich auf dem Markt Teller zu kaufen, so dass alle Kinder nun gleichzeitig essen können.

Die Kleinen essen auf dem Boden. Meist gibt es Reis in einer Schüssel, aus der alle Kleinkinder essen.

Gefüttert wird mit den Händen. Jedoch immer die rechte Hand benutzen.
Da die Kleinen oft so hungrig sind, geht ein großes Geschrei los, sobald sie das Essen sehen. Und es passiert nicht selten, dass die Kinder um das Essen streiten.

Man kann nicht gerade behaupten, dass die Ghanaer einen Sinn für Ordnung haben. Eher im Gegenteil. Alles liegt irgendwo herum und es wird immer nach Dingen gesucht, die oft auch einfach „verschwinden“. Wenn man Glück hat, tauchen diese irgendwann mal wieder auf.
So waren unsere Fragen meist: „Wo sind die Windeln? Wo ist der Besen, Wo ist die Seife? Wo ist der Bottich, um die Kinder zu waschen, Wo ist der Wischmob?“


Es wäre auch ein leichtes gleich nach dem Essen die Teller wegzuräumen. Aber das kann man ja auch später machen. So lecken die Ziegen die Reste von den Tischen und den leeren Tellern, die noch im Speiseraum stehen. Überall wimmelt es von Fliegen.



Die Zustände im Waisenhaus sind nicht annähernd zu beschreiben. Nach einem Volunteer Tag hier wünscht man sich sehnlichst eine Dusche, denn es fühlt sich überall dreckig an. Als Volunteer muss man jeglichen Ekel ablegen.

Die Kinder sind schmutzig, überall wimmelt es von Fliegen, die Ziegen, Katzen und Hunde laufen frei herum. Man muss immer aufpassen, dass man nicht in die „Scheiße“ läuft.



Doch trotz all dem Dreck und Ekel und der traurigen Bilder, die man tagtäglich sieht, ist es nicht mit Gold aufzuwiegen, was man fühlt, wenn man in die lachenden und dankbaren Kinderaugen blickt. Ich möchte keinen dieser Momente missen.